1967 legte Kurt Schneider den Grundstein, 1973 wagte er den Schritt in die volle Selbstständigkeit. Was folgte, war eine Erfolgsgeschichte in der Präzisionsmechanik: Prototypenbau, Kleinserien, Baugruppenmontagen. Dazu ein Bearbeitungsspektrum, das seinesgleichen sucht. Bohren, Fräsen, Drehen, Schleifen, Honen, Montieren und Laserbeschriften: alles aus einer Hand. Was bei immer weniger Betrieben dieser Art der Fall ist.
«Diese Fertigkeiten, die uns von anderen unterscheiden, sollen einer breiteren Kundschaft angeboten werden», erklärt Eigentümer Gerhard Schneider. Die Spannweite ist enorm: vom Sensor, der auf sechs Kommastellen genau misst, über komplex gefertigte Baugruppen für die chemische und die Lebensmittelindustrie bis zur gebrochenen Achse des Bauern. Die Kurt Schneider AG fertigt vom Einzelstück bis zur Serie von über 100’000 Stück. Dieser Spagat ist riesengross. Und mit Cutbend verfügt das Unternehmen über ein eigenes, international nachgefragtes Produkt.
Wer wachsen will, braucht Platz. Im Zuge der Nachfolgeregelung rückte ein langgehegtes Projekt wieder in den Fokus: der Neubau. «Wir haben uns bewusst für eine Wachstumsstrategie entschieden», begründet Gerhard Schneider. Der bestehende Kiesplatz wird unterkellert, dort entsteht eine Einstellhalle mit Parkplätzen für Mitarbeitende und zur Vermietung. Darüber werden drei Geschosse aufgebaut: Ebenerdig gewinnt der Betrieb mehr Produktionsfläche für neue, moderne Maschinen, die effizientere Abläufe ermöglichen. Dazu kommen Erweiterungsmöglichkeiten für die bestehenden Mieter sowie eine Betriebswohnung im Dachgeschoss.
Nachhaltigkeit ist dabei kein Lippenbekenntnis. Die Fassade wird zur PV-Anlage, auf das Dach kommt eine weitere Solarinstallation. Die Beleuchtung im bestehenden Gebäude wurde bereits auf LED umgestellt. «Kein Greenwashing», stellt Gerhard Schneider klar. «Wir machen etwas, wozu wir stehen und was wir langfristig leben können.» Die Kunden legten zunehmend Wert auf Umweltverträglichkeit, und die Kurt Schneider AG erfülle die Anforderungen auch ohne spezifisches Zertifikat.
Es ist ein Ruck durch die Firma gegangen. Mit dem Generationenwechsel löst Christian Berger den bisherigen Geschäftsleiter Hans-Rudolf Holzer ab, der das Unternehmen während vieler Jahre umsichtig, mit viel Herzblut und grossem Fachwissen geführt hat. Als ausgewiesener Industrieprofi bringt Berger einen Rucksack mit, der beeindruckt: gelernter Feinmechaniker, studierter Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur, 14 Jahre bei der Comet Group in der Halbleiterindustrie mit weltweiter Supply-Chain-Verantwortung und Fabrikaufbauten in Asien, den USA und der Schweiz sowie der Führung ganzer Geschäftseinheiten. Danach COO bei Schleuniger, zuletzt CTO bei Blaser Swisslube. Dazu unzählige Weiterbildungen.
Der knapp 50-Jährige spricht mit der ruhigen Entschiedenheit eines Machers: «Was mich reizt, ist das Potenzial. Der Gestaltungsfreiraum in einem KMU ist enorm, gleichzeitig aber auch die grösste Herausforderung.» Aus seinen vielfältigen Erfahrungen könne er wie aus einem Blumenstrauss pflücken, was hier das Richtige sei.
Sein Credo: schärfen, was da ist. «Dieses Unternehmen ist seit Jahrzehnten sehr erfolgreich. Es kommt nicht ein Neuer, und jetzt wird alles anders. Es geht darum, systematisch zu verbessern.» Im Zentrum stehen drei Pfeiler:
«Wer erfolgreich sein will, muss etwas besser machen als alle anderen, egal ob im In- oder Ausland.»
Felix Bangerter, der scheidende Verwaltungsratspräsident, legt nach acht Jahren sein Amt nieder. Der Jurist verstand sich stets als Bindeglied zwischen Eigentümerschaft und Betriebsleitung, als ruhender Pol, dessen Maxime war: «No news is good news.» Zusammen mit Hans-Rudolf Holzer, der zeitgleich abtritt, bildete er ein eingespieltes Duo.
Er kam aus der Justiz in die Industrie und fand eine Welt, die ihn faszinierte: «Beeindruckend, was für spezielle Teile in diesem kleinen Unternehmen hergestellt werden und welch wichtige Nische sie abdecken.» Die Firma sei ihm ans Herz gewachsen. Trotz hoher Auslastung sei immer termingerecht geliefert worden. «Es gab nie eine Auseinandersetzung mit einem Arbeitnehmenden. Das ist auch ein Zeichen.» Selbst Covid hätten sie gut überstanden, ohne Kurzarbeit.
Seinen Rücktritt hatte er selbst eingefädelt: «Ich habe immer gesagt: maximal bis 70. Mit der Nachfolgelösung ergab sich der ideale Zeitpunkt für einen klaren Schnitt.» Sein Wunsch: «Dass man die Chance der Nachfolger nutzt und neue Ideen einbringt, ohne aber gleichzeitig die heutige Flexibilität und Kundennähe zu vernachlässigen.» Dass die Kurt Schneider AG den Betriebsstandort Thun erfolgreich weiterführen kann, ist ihm ebenfalls wichtig.
Den Posten als Verwaltungsratspräsidentin übernimmt Eveline Germann, dipl. Bankfachfrau/Treuhänderin mit einem EMBA-Diplom, ad interim. Zusammen mit Gerhard Schneider zeigt sie sich überzeugt: «In Christian Berger haben wir einen absoluten Glücksfall gefunden, jemanden, der frischen Wind ins Unternehmen bringt und neue Impulse setzt.» Eine echte Verjüngung. Ein echter Generationenwechsel.
Was Berger für die Kontinuität als zentral erachtet, sind die Menschen. «Wenn man die richtigen Leute hat, kann man alles machen. Damit sie bleiben, muss man attraktiv sein.» Das bedeute Transparenz, Coaching und Eigenverantwortung. «Wir wollen Mitarbeitende, die mitdenken, mitgestalten und das Unternehmen aktiv mitprägen.» Die Kurt Schneider AG möchte auch wieder Lernende ausbilden. Künftige Polymechanikerinnen und Polymechaniker können hier ihre berufliche Heimat finden.
Dem Fachkräftemangel begegnet man nicht mit Jammern, sondern mit Machen. «Wir wollen in die Richtung wachsen, in der wir gut sind», bringt es Gerhard Schneider auf den Punkt. Stillstand ist Rückschritt. Und die Kurt Schneider AG war noch nie ein Betrieb, der stillsteht.